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Hengstgruppenhaltung in Theorie und Praxis
Version: 2009.06.10

Teil I: Theorie und Voraussetzungen [5]
Hilfreiche Bedingungen für Hengstgruppenhaltungen

Neben den beschriebenen Grundvoraussetzungen gibt es noch einige hilfreiche Bedingungen, welche eine Hengstgruppenhaltung teilweise enorm erleichtern und in vielen Fällen überhaupt erst ermöglichen können.
Es gibt zwar erfolgreiche Hengstgruppenhaltungen, welche die eine oder andere hilfreiche Bedingung nicht erfüllen, aber wenn alle hier beschriebenen Bedingungen nicht erfüllt sind, dürfte es sehr schwierig werden, Hengste in der Gruppe zu halten.


Hilfreiche Bedingung: Keine Stuten in der Nähe

Stuten in der Nähe sind in aller Regel Gift für die Harmonie und Freundschaft erwachsener Hengste. Es gibt zwar auch zu dieser Bedingung Ausnahmen: So gibt es Zuchtgestüte auf denen Hengste und Stuten stehen, bei welchen die Zuchthengste ausserhalb der Decksaison problemlos zusammen in der Gruppe gehalten werden.
Auch die Hengste von Ferdi Wirth aus dem Praxisbeispiel stehen im Moment auf einer Weide welche sich nur ca. 30 Meter neben einer Weide mit Stuten befindet.

Tatsache aber ist, dass die andauernde Präsenz von Stuten das Klima in einer Hengstgruppe, welche sich dies noch nicht gewöhnt ist, langandauernd und gehörig anheizen kann. Deswegen ist sehr zu empfehlen, diese Hürde erst dann zu nehmen, wenn die anderen Hürden, vor allem die der Angewöhnung aller Hengste, bereits erfolgreich abgeschlossen wurden. Für Pensionsställe mit häufigem Wechsel und deswegen zusätzlicher Aufregung sollte also darauf geachtet werden, dass es keine Stuten in der Nähe hat. Dabei spielen einzelne Stuten welche Vorbeireiten nicht eine sehr grosse Rolle. Diese schaffen zwar unter Umständen grosse Aufregung und viel Tumult, dieser beruhigt sich aber mit dem Verschwinden der Stute oder kann auch vom ranghöheren Menschen punktuell unterdrückt werden.

Anders ist es mit Stuten, die in Sicht-, Hör-, oder auch Riechweite der Hengste aufgestallt sind. - Besonders wenn sie dazu noch rossig werden. Die dadurch ausgelösten Wünsche bei den Hengsten wirken dann nicht nur im Moment, sondern ununterbrochen. Die Hengste fangen dann an jegliche erstellte Rangordnung zu ignorieren und ununterbrochen um die Chefposition von neuem zu kämpfen, um dadurch - so die natürliche Hoffnung eines jeden Hengstes - als erster ins Privileg einer allfälligen Paarung zu kommen. Erst wenn Hengste, vor allem solche die schon gedeckt haben, über längere Zeit regelmässig mit Stuten konfrontiert wurden und sich wiederholt vergeblich aufgeregt haben, begreifen sie, dass sie sowieso keine Chance haben, weil der Mensch (oder der starke Zaun) sie sowieso nicht lässt. Aber das kann lange dauern und bedarf der fürsorglichen Aufsicht und Kontrolle des Menschen. Am besten funktioniert die Hengstgruppenhaltung neben Stuten mit Zuchthengsten, wenn es klar definierte Zeiten gibt, beispielsweise der Frühling, wann die Hengste einzeln oder mit den Stuten gehalten werden und decken dürfen, und andere Zeiten, wann sie nicht decken dürfen und in der Gruppe gehalten werden. Das ist dann auch für Hengste begreifbar und sie sehen ein, dass es in allen anderen Jahreszeiten keinen Sinn hat um Stuten zu kämpfen.

Man hört immer wieder Geschichten von Hengsten, die sich selber, ein Mensch oder ein anderes Pferd verletzten, teilweise schwer, weil sie zu einer Stute wollten. Dies hat aber nichts mit angeblicher "Dummheit" von Hengsten zu tun oder dass sie etwa nur mit ihrem Geschlechtsteil denken würden (ohne diesen Trieb gäbe es keine Pferde). Solche Unfälle haben einzig und allein mit der Dummheit bzw. Unwissenheit und Naivität der Menschen über den männlichen Sexualtrieb bei Pferden in Zusammenhang mit sicherer Umzäunung, Klärung der Rangordnung zwischen Mensch und Pferd, usw. zu tun.


Hilfreiche Bedingung: Keine Wallache

Manche Leser werden über diese Bedingung vielleicht erst mal unverständig den Kopf schütteln, aber man kann es nicht genug betonen, dass ein Wallach ein vom Menschen geschaffenes äusserst unnatürliches Konstrukt ist. Dies sehe nicht nur ich so, sondern die Pferde, bzw. deren Sozialverhalten untereinander auch.
Wir Menschen wissen was ein Wallach ist, ein kastriertes männliches Pferd, aber Pferde, in diesem Fall Hengste wissen das nicht. Ihr Sozialverhalten ist von der Natur über Jahrtausende ausschliesslich auf die drei natürlich vorkommenden Typen von Mitlebewesen gezüchtet worden: Hengst, Stute oder Fohlen. Da Wallache sich aber weder wie Hengste verhalten, noch so riechen, werden sie von Hengsten immer wieder für Stuten gehalten, bzw. kann das sexuell unklare Verhalten von Wallachen Hengste so wütend und frustriert machen, dass sie diese vertreiben wollen und mit äusserster Aggression pausenlos jagen und grausam schikanieren. Es ist dabei schwierig zu sagen, ob es den Hengsten dabei nur darum geht, den Wallach zu vertreiben, oder ob es sich dabei um versuchte sexuelle Vergewaltigungen handelt, vielleicht weil die Hengste die "Möchtegern-Stute" decken wollen.

Tatsache ist, dass man immer wieder hört, dass Hengste nicht nur sexuell auf einen Wallach reagieren, bzw. diesen decken und in ihren persönlichen Besitz bringen wollen, sondern manchmal auch ungewöhnlich aggressiv und hasserfüllt auf Wallache reagieren, ja viel aggressiver und unerbittlicher als sie dies jemals gegenüber anderen Hengsten tun. Manche Hengste scheinen Wallache einfach regelrecht zu hassen.
Das letzte mal hab ich ein sehr eindrückliches Beispiel für solches Verhalten von einer gemischten Gruppe von ausgewachsenen Hengsten und Wallachen gehört, in welcher es zu äusserst unschönen Szenen zwischen einem der Hengste und einem Wallach gekommen ist. Der Hengst, welcher sich gegenüber anderen Hengsten normal und korrekt benahm, hat den Wallach pausenlos extrem aggressiv gejagt und angegriffen, auch als dieser längst seine Unterwürfigkeit nicht nur durch Flucht, sondern sogar durch das für erwachsene Pferde sehr unübliche "Fohlenmäulchen" mehrfach signalisiert hatte. Der Hengst hat sich so sehr ab der Sexualitätslosigkeit des Wallachs aufgeregt, dass er diesen sogar dann noch weiterjagte, als dieser vor Angst buchstäblich "in die Hosen machte" und während der Flucht vor Angst kotete und urinierte. Wirklich äusserst unschöne Szenen, welche für Pferde absolut unnatürlich sind und nicht ihrer Natur als Wesen mit einem ausgeklügelten Sozialverhalten entsprechen.
Solche Erlebnisse lassen erahnen, wie tief und zerstörerisch die Kastration in das natürliche Sozialverhalten und das korrekte soziale Funktionieren von Pferden einschneidet. Ich persönlich halte es deswegen für falsch und äusserst unfair, kastrierte Pferde zusammen mit Hengsten zu halten. Es ist ähnlich wie wenn man Kühe mit Hörnern zusammen mit enthornten Kühen hält, nur mit viel schwerwiegenderen Auswirkungen, wie das erwähnte Beispiel verdeutlicht.

Natürlich gibt es auch zu dieser Bedingung immer wieder Ausnahmen, in denen Hengste gut oder sehr gut mit Wallachen zurechtkommen, vor allem wenn es sich um nur einen Hengst und einen Wallach handelt. Wie die Erfahrung in Hengstgruppen zeigt, kann man sich darauf aber alles andere als verlassen und wer kein Risiko eingehen will, verzichtet auf Wallache genauso konsequent wie auf Stuten.


Hilfreiche Bedingung: Genügend Platz für erstes Zusammenlassen

Vor allem für das erstmalige Zusammenlassen von sich fremden Hengsten, ist es von grossem Vorteil, genügend Platz, beispielsweise eine gut eingezäunte Weide zur Verfügung zu haben, damit sich die Hengste beim ersten gemeinsamen Aufenthalt und der ersten Abklärung der Rangordnung im wahrsten Sinne des Wortes "Müdelaufen" können.
Hengste wollen sich meist in allen Disziplinen miteinander messen und genau wissen, wer in welcher Disziplin der bessere ist. Deswegen gehören auch ausgedehnte Rennen und Verfolgungsjagden zur Abklärung der Rangordnung und genügend Platz schafft die Möglichkeit, sich in dieser Disziplin so richtig zu Verausgaben. Zudem steht die Energie die zum Laufen verwendet wurde nicht mehr zum Beissen und Treten zur Verfügung.

Es gibt zwar auch Hengstgruppenhaltungen auf engstem Raum, jedoch handelt es sich dabei meist um eine Gruppe, welche das erste gemeinsame Zusammentreffen auf einer grossen Weide bereits hinter sich hat (so wie das Beispiel der winterlichen Hengstgruppenhaltung von Ferdi Wirth im Praxisbeispiel dieses Referats).


Hilfreiche Bedingung: Angewöhnung nicht im Frühling

Der Frühling ist die natürliche Paarungszeit bei Pferden, deswegen haben Hengste mehr Testosteron im Blut als im übrigen Jahr und sind besonders an einer Chef-Position interessiert, was automatisch zu vermehrten Rangeleien und Kämpfen um die Rangordnung führt. Deswegen ist es von Vorteil, wenn auch nicht zwingend nötig, die Angewöhnung von fremden Hengsten nicht im Frühling sondern während einer etwas ruhigeren Jahreszeit vorzunehmen. Lassen Sie sich aber nicht täuschen! Zur Klärung der Rangordnung wird auch in allen anderen Jahreszeiten in den meisten Fällen nach allen Regeln der Kunst gekämpft.


Hilfreiche Bedingung: Keine Hufeisen

Im Gegensatz zu Stuten schlagen Hengste sehr selten mit den Hinterbeinen, vor allem nur dann, wenn sie deutlich unterlegen sind und angegriffen werden. Gefahr besteht normalerweise nur beim Steigen, Rudern und Ausschlagen mit den Vorderhufen. Trotzdem kann das Verletzungsrisiko welches davon ausgeht durch ein Ersetzen der Eisenbeschläge mit Kunststoffbeschlägen oder noch besser, durch die besonders gesunde und oft kostengünstigere Barfusshaltung / Verwendung von Hufschuhen stark gemindert werden.

Auch hier gibt es Gegenbeispiele: Ich kenne zwar keine Hengstgruppenhaltung mit Eisen, aber zumindest eine sehr erfolgreiche Gruppenhaltung mit Stuten und Wallachen von insgesamt 25 Grosspferden, welche alle vorne und hinten normal beschlagen sind.


Hilfreiche Bedingung: Ähnliche Hengste

Es gibt ein paar wenige Beispiele für die Haltung erwachsener Hengste in der Gruppe aus der Literatur. In manchen diesen Beispielen wird empfohlen, dass die Hengste sowohl in Alter wie auch in Körpergrösse und Typ einander ähnlich sein sollten. Die Überlegung dahinter ist jene, dass heissblütige Halbstarke welche dauernd raufen wollen, nicht gut mit kaltblütigen Hengst-Opas, welche nur ihren Frieden wollen, zusammenpassen und dass es seltener zu unausgeglichenem Verhalten kommt in welchem der Mensch eingreifen muss, wenn alle Hengste in etwa gleich stark und gleich gross sind.
Gerade aber die Hengstgruppenhaltung von Ferdi Wirth, welche in den folgenden Abschnitten ausführlich beschreiben wird, besteht aus äusserst unterschiedlichen Hengsten, sowohl in Bezug auf das Alter wie auch auf den Typ. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis man die Gruppe sich selbst überlassen konnte, aber heute muss man sich um das Wohl auch der schwächsten Pferde keine Sorgen mehr machen.


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